Süddeutsche Zeitung
Seite 39, Dienstag, 08. Juni 2010
Zukunft zwischen Ruinen
Patrick Thomas sammelt Spenden für eine Mädchenschule im zerstörten Haiti
Von Peter Burghardt
Manchmal ist die Welt erfreulich handlich und kabellos, selbst in Haitis Trümmerfeld. Schwester Anne-Marie holt den Laptop aus ihrem Büro der Mädchenschule Sainte Rose de Lima von Port-au-Prince, der halb zerstörten Hauptstadt des Karibiklandes. Im Innenhof stehen Zelte neben Blumenbeeten und Palmen, die Kapelle links ist zur Ruine zerfallen, durch Fassaden ziehen sich Risse. Am 12. Januar hatte eines der schlimmsten Beben der Geschichte die ärmste Nation des Westens noch weiter ins Elend gestürzt. Die 70 Jahre alte Oberin in der dunkelblauen Ordenskleidung mit dem weißen Kopftuch plant aber längst wieder die Zukunft. E-Mails schrieb die resolute Dame schon, als das in diesem Teil der Karibik noch seltener Fortschritt war. Nun schaut sie an einem schwülwarmen Morgen schnell nach, wie 8000 Kilometer nordöstlich im Münchner Süden ihr Neffe beim Wiederaufbau hilft.
Voilà, da erscheint die Seite auf ihrem Bildschirm: www.sainterose.org. Man sieht Bilder der heilen Anlage vor und der beschädigten Mauern nach der Katastrophe. „Sainte Rose braucht jetzt Ihre Hilfe!“, steht auf Englisch und Französisch ganz oben, darunter können Besucher online spenden. 350 000 Dollar sind es bis zu diesem Vormittag, „nicht schlecht“, findet die Direktorin, aber noch nicht genug. Auch Einschreibungsformulare kann man dort anklicken, den Link zu Facebook mit 1802 Fans, alles sehr modern.Fotos zeigen Schülerinnen in Uniform an Computern, an Schulbänken, beim Fußballspielen. Für Patrick Thomas ist die Verwaltung dieser Website im Prinzip Routine, seine Firma Telepark in Solln platziert gewöhnlich Unternehmen im Internet. Doch hier geht es um das Lebenswerk seiner Tante. Um seine zweite Heimat und den Versuch, dem demolierten Haiti aus dem aufgeräumten Bayern Beistand zu leisten.
Seine Mutter kam einst aus Port-au-Prince zum Klavierstudium nach Deutschland, seit Kindertagen war Patrick Thomas immer wieder dort. Vor einem halben Jahr hatte er bei seinen Besuchen ein gutes Gefühl, „es gab da so eine Aufbruchstimmung“. Die UN-Blauhelme schienen die Banden zu bezwingen, Geschäftsleute kehrten zurück. Auch Sainte Rose de Lima an der Avenue John Brown im quirligen Viertel Lalue profitierte von dem Aufschwung, seit mehr als 100 Jahren widersteht die Eliteschmiede den Tyrannen, Putschen und Stürmen der Republik bereits. In dem privaten Lehrinstitut der „Soeurs de Saint Joseph de Cluny“ machten Generationen von Haitianerinnen Abitur auf französischem Niveau, manche wurden später Diplomatinnen oder Politikerinnen, Haitis vormalige Premierministerin Michelle Pierre-Louise war hier einst Lehrerin.
Informatiker Thomas kümmert sich bereits seit 2008 aus der Ferne um die elektronische Verarbeitung von Noten und Zeugnissen. Dann kamen die 35 schlimmsten Sekunden der nationalen Geschichte. Mindestens 250 000 Menschen starben bei den Erdstößen der Stärke 7,0, niemand hat die Leichen gezählt. Sechs der vor der Tragödie 953 Schülerinnen und vier Ehemalige von Sainte Rose de Lima kamen ums Leben. Thara Lalanne, Paola Piard, Christine Audrey Dessalines und sieben weitere Namen, auch an ihre Gesichter erinnern die Seiten im Internet. Immerhin war der Unterricht weitgehend vorbei an jenem Nachmittag, und die meisten Wände hielten einigermaßen. Andere Schulen brachen komplett zusammen und begruben Tausende von Kindern. Fast das gesamte Erziehungssystem ging in weniger als einer Minute zu Bruch, genauso wie Präsidentenpalast, Ministerien, Kathedrale oder UN-Verwaltung.
Auch die demolierte Grundschule dieser Anlage muss abgerissen werden, obwohl das ehrwürdige Gebäude von Saint Rose de Lima ansonsten recht stabil war. Es stammt aus der Zeit kurz nach dem anderen verheerenden Erdbeben Ende des 19. Jahrhunderts, gestärkt mit Stahlträgern. „Wie der Eiffelturm, viel Metall“, erläutert Soeur Anne-Marie, sie saß während des Unglücks im Auto. Unterrichtet wird vorerst im Hinterhof, in Zelten von Unicef, in denen die heiße Luft steht und auf die der Regen prasselt. „Nicht ganz normal, das Ambiente“, sagt Mireilles Anglade, vor sich 26 Erstklässlerinnen. Fast alle haben Angst vor Beton und Nachbeben. Viele kamen gar nicht mehr, als im April nach drei Monaten Pause mit einer Gedenkmesse für die Toten die ersten Stunden begannen. Doch es geht weiter. „Das ist die Zukunft Haitis“, sagt Anglade und zeigt auf die Kinder. Um diese Zukunft bemühen sich Schwester Anne-Marie in Port-au-Prince und Patrick Thomas in München.
Fast eine halbe Million Dollar werden allein die Reparaturen kosten. Über die Baustelle wacht die Ingenieurin Pascale Oriol, eine Ehemalige aus Sainte Rose de Lima. Außerdem braucht es Geld für 154 Lehrer und für Schulranzen, Hefte, Stifte, Bücher, Computer. Vor allem für Töchter aus weniger guten Häusern. Deren Eltern müssen sich jedes Lineal zusammensparen und erst recht die monatliche Schulgebühr von 50 Dollar für diese Ausbildung an der Spitze der Gesellschaft. Viele Familien sind damit endgültig überfordert, seit sie in Zeltstädten wohnen und auf das Heer der Hilfsorganisationen angewiesen sind.
Also regt der bayerische Krisenhelfer Patrick Thomas Bildungspatenschaften an. Gegen Spenden übernimmt die von ihm gegründete Stiftung Fondation Boisette das Schulgeld für bisher 200 Schülerinnen, die sonst aufgeben müssten. Dazu sollen außer internationalen Geldgebern auch Privatleute und Unternehmen die Runderneuerung der beschädigten Klassenzimmer finanzieren. Thomas ist auch an der Sammelaktion von Absolventinnen in den USA und Kanada beteiligt.
Für die Überweisung auf der Website genügen ein paar Klicks und Daten. „Sehr direkt, das mag manche Leute auch abschrecken“, sagt der Programmierer Thomas, doch es soll schnell sein, unkompliziert, transparent. Alle paar Monate sieht er selbst in Haiti nach dem Rechten. Neffe und Tante wollen keine Zeit verlieren, damit nicht die Reichen ihren Nachwuchs nach Miami oder Montréal schicken und die Armen in Flüchtlingslagern hängen bleiben. Thomas sagt: „Haiti braucht weibliche Führungspersönlichkeiten, das ist ganz wichtig.“ Männer gelten als unzuverlässig und korruptionsanfällig. Mit dem aktuellen Präsidenten René Préval sind schon wieder viele Haitianer dermaßen unzufrieden, dass sie sich den ehemaligen Armenpriester Jean-Bertrand Aristide zurück wünschen, dabei endete dessen letztes Regime in Straßenschlachten.
Als die Naturgewalten vor fünf Monaten Haiti erschütterten, da erkundigte sich Patrick Thomas zuerst nach seinen Verwandten, der engste Familienkreis blieb unversehrt. Dann schickte er alte Fotos über den Atlantik: deutsche Trümmerfrauen von 1945. Er weiß, dass man den Krieg und das Beben so schlecht vergleichen kann wie die beiden Länder. Aber er wollte seiner Tante Soeur Anne-Marie und den Haitianerinnen sagen: „Schaut her, ihr schafft das auch.“
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